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Die Milizen von Burkina Faso

Der Vormarsch dschihadistischer Kämpfer hat die gute Nachbarschaft der vielen ethnischen und religiösen Gruppen zerstört.

Von Rémi Carayol

Ali Konaté hat sich in seinem Büro auf dem Sofa ausgestreckt. Draußen, hinter den geschlossenen Fensterläden, brütet die Mittagshitze. Konaté ist Chef eines Bauunternehmens in Bobo-Dioulasso, dem wirtschaftlichen Zentrum von Burkina Faso; und er steht dem nationalen Verband der Dozo vor, einer der wichtigsten Vereinigungen der traditionellen Jäger im Land. Aufgrund dieser Doppelbelastung ziehen sich seine Tage seit einiger Zeit in die Länge, und die Nächte sind auch nicht gerade ruhig: „Ich muss andauernd meine Männer beruhigen“, erklärt er uns. „Manche wollen gegen die Peul in den Kampf ziehen, weil sie sie für Verbündete der Dschihadisten halten.“

Die Dozo leben in mehreren Ländern Westafrikas, vor allem in Burkina Faso, der Elfenbeinküste und in Mali. Sie bilden eine Bruderschaft, der magische Kräfte nachgesagt werden und in die man nur nach einem Initiationsritus aufgenommen wird. Seit Jahrhunderten sind die Dozo für den Schutz der Dorfbewohner zuständig, kontrollieren die Jagd zum Erhalt der Fauna und praktizieren traditionelle Medizin. Sie tragen erdfarbene Leinenkleidung, auffällige Amulette und benutzen alte Gewehre mit langen Läufen.

Seit einigen Jahren beteiligen sich die Dozo aber auch an den blutigen Konflikten in Westafrika. Im Bürgerkrieg, der in den 2000er Jahren die Elfenbeinküste zerriss, unterstützten sie den späteren Präsidenten Alas­sane Ouat­tara, der wie sie aus dem Norden des Landes stammt. Nach Angaben der UN-Friedensmission UNOCI, die zwischen 2004 und 2017 aktiv war, sollen die Dozo in der Elfenbeinküste zwischen März 2009 und Mai 2013 228 Menschen getötet haben. In jüngster Zeit schlossen sich einige Dozo der Miliz in Mali an und verübten mit dem Einverständnis der dortigen politischen und militärischen Führung Massaker an Angehörigen des als Komplizen der Dschihadisten geltenden, ursprünglich nomadisierenden Hirtenvolks Peul.(1)

Die Gewalt schnellt in die Höhe

In Burkina Faso ist eine solche Entwicklung bislang ausgeblieben. Aber Ali Konaté erzählt, dass er viel Energie darauf verwende, die kriegerischen Bestrebungen von Teilen der 17 000 Dozo in den Gemeinschaften im burkinischen Westen in Schach zu halten. Lange lebten die Peul und die Dozo „wie zwei Finger derselben Hand“. Doch dann machte sich das Misstrauen auch in Burkina Faso breit.

Verschiedene ethnische und religiöse Gruppen hatten bis dahin friedlich Seite an Seite gelebt: Mossi, Bobo, Dioula, Peul, Gurma, Senufo, Bissa, Tuareg und andere. Laut einer Erhebung von 2006 besteht die Bevölkerung in Burkina Faso zu 60,5 Prozent aus Muslimen, 19 Prozent sind Katholiken, 15,3 Animisten und 4,2 Prozent Protestanten. Es gibt viele gemischte Ehen und multikonfessionelle Fami­lien. Menschen wechseln häufig ihre Religionszugehörigkeit, ohne dass daran Anstoß genommen wird.(2)

Doch wegen des Vormarschs dschihadistischer Gruppen schnellte die Gewalt im Land innerhalb von vier Jahren in die Höhe, ähnlich wie im benachbarten Mali.(3) Im Oktober 2014, nach dem Sturz von Präsident Blaise Compaoré, der Burkina Faso 27 Jahre regiert hatte, zerfiel der Staat. Die Anhänger des in die Elfenbeinküste exilierten ehemaligen Präsidenten schürten die Illu­sion, das Drama hätte vermieden werden können, wenn ihr Führer an der Macht geblieben wäre.

Die Staatsgewalt war allerdings schon seit Langem wenig handlungsfähig. Angesichts von Korruption und Elend konnten der „Islamische Staat“ oder al-Qaida nahestehende Gruppierungen, die bereits den Norden und Osten des Landes beherrschten, ihren Einfluss leicht ausweiten. 40 Prozent der Burkiner leben unterhalb der Armutsgrenze, ein großer Teil davon auf dem Land. Die dschihadistischen Milizen gewannen auch im Westen Terrain und bedrohen inzwischen den Süden. Seit dem ersten Attentat, zu dem sie sich im Oktober 2015 bekannten, verübten sie fast 600 Anschläge, vor allem auf das Militär, aber auch auf Zivilisten. Tausende Tote sind zu beklagen, Männer, Frauen und Kinder, sowie hunderttausende Vertriebene.(4)

Vernachlässigung des Lands

Aber auch die Sicherheitskräfte begingen im Namen des Antiterrorkampfs Gewalttaten. Darüber hinaus wird das Land durch sich ausbreitende Selbstverteidigungsmilizen destabilisiert. Zwei Massaker haben die Burkiner in letzter Zeit besonders schockiert. Am 1. Januar 2019 in Yirgou gab es offi­ziell 49 Opfer, in der Mehrzahl Angehörige der Peul; zivilgesellschaftliche Organisationen sprechen allerdings von 210 Toten. Vorausgegangen war dem Blutbad die Ermordung von 6 Personen, darunter der Chef eines Mossi-Dorfs, durch Dschihadisten.

Das zweite Massaker ereignete sich am 8. März 2020 in den Dörfern Barga, Dinguila-Peul und Ramdolla-Peul. Eine lokale Selbstverteidigungsmiliz schoss wahllos um sich und setzte die Hütten der Dorfbewohner in Brand. Mindestens 43 Menschen sollen dabei umgekommen sein.(5)

Die Gräueltaten werden den „Kogl­weo­go“ zugeschrieben, was in der Sprachen der Mossi – der bevölkerungs­reichsten Ethnie Burkina Fasos – „Busch­wächter“ bedeutet. Diese unabhängig voneinander operierenden Milizen, die in den 1990er Jahren in Erscheinung traten, bestehen aus Freiwilligen, die sich zusammenschließen, um gegen die alltägliche Unsicherheit in den Dörfern vorzugehen: die kleinen Diebstähle auf den Märkten, den Viehraub, die Einbrüche. Nach dem Sturz von Compaoré 2014 hätten sich diese Gruppierungen „innerhalb von ein paar Monaten rasant vermehrt“, erklärt Chryzogone Zougmoré, der Vorsitzende der burkinischen Menschen- und Völkerrechtsbewegung MBDHP. Im Zentrum, im Osten und im Süden des Landes bildeten sich spontan hunderte lokale Milizen.

Diese Entwicklung ist auch das Resultat der Vernachlässigung der ländlichen Regionen in den letzten Jahrzehnten. „Bei dem Aufstand vom Oktober 2014 hat sich die Enttäuschung gegenüber dem Staat entladen“, schreibt die NGO International Crisis Group, und erinnert daran, dass 71 Prozent der Burkiner in ländlichen Gebieten leben.(6)

Der Staat ist hilflos

Im März 2016 sorgten die „Koglweogo“ in Sapouy für Schlagzeilen, einer kleinen Stadt im Süden, unweit der Grenze zu Ghana: Ein Mann, dem vorgeworfen wurde, ein Rind gestohlen zu haben, hatte ein dreitägiges Verhör durch die Miliz nicht überlebt. Ihr Chef Saïdou Zongo empfing uns damals im Kreis seiner „Kleinen“, überwiegend junge Männer, ausgestattet mit alten Gewehren und einem „offiziellen“ Mitgliedsausweis der Gruppe.

Der in einen eleganten blauen Boubou gekleidete Zongo präsentierte sich als Viehzüchter, dem man in weniger als zwei Jahren alle seine Tiere gestohlen hatte: 36 Schafe, 28 Rinder und 50 Ziegen. „Ich habe zur Waffe gegriffen, um für unsere Sicherheit zu sorgen“, sagte er damals, und auch, um die „Passivität“ der Behörden auszugleichen. Es gebe zu viele Diebstähle und zu wenig Bestrafung. Und er wetterte gegen den Staat: Polizei und Gendarmerie täten gar nichts, die Justiz setze Verbrecher auf freien Fuß, die Opfer würden nie entschädigt. „Die Diebe müssen wissen, dass sie den Preis für ihre Schandtat zahlen werden“, schimpfte Zongo. Er zeigte uns damals eine Liste, auf der die von der Miliz vorgesehenen Strafen für die verschiedenen Delikte (Geldstrafe, Züchtigung) verzeichnet waren. „Wir verteidigen uns, das ist alles. An dem Tag, an dem es keine Diebe mehr gibt, verschwinden wir“, versprach er.

Der Staat ist gegenüber diesen immer zahlreicheren Gruppen, die seine Autorität infrage stellen, ziemlich hilflos. „Es gibt im Land 8900 Dörfer. Die Ordnungskräfte können nicht überall sein. Wir sind daher auf die Hilfe der Milizen angewiesen“, räumte 2015 der Minister für innere Sicherheit der neuen Regierung, Simon Compaoré (nicht verwandt), ein. In einem Drittel des nationalen Territoriums ist die Armee überhaupt nicht präsent, es fehlt an Personal, Ausrüstung und Organisa­tion. Eine 2016 verabschiedete Verordnung, die darauf abzielte, die „Koglweogo“ in eine neu zu gründende Nachbarschaftspolizei einzubinden, wurde niemals umgesetzt.

„Man muss verstehen, warum wir in diese Situation gekommen sind“, erklärte uns damals Chryzogone Zougmoré von der MBDHP. „Es ist das Ergebnis von drei Entwicklungen: der seit 20 Jahren ansteigenden Unsicherheit, dem kompletten Rückzug des Staates und dem fehlenden Vertrauen der Bevölkerung gegenüber den Institutionen der Republik.“ Solange diese Probleme nicht gelöst seien, sei es zwecklos, die Milizen zu verbieten.

Unerwünschte Konkurrenz und zunehmend Konflikte

Heute soll es in Burkina Faso rund 4500 „Koglweogo“-Gruppen geben, mit insgesamt 20 000 bis 45 000 Mitgliedern. Viele haben Angst vor ihnen, in manchen Regionen hält ihnen die Bevölkerung aber auch zugute, für mehr Sicherheit gesorgt zu haben.(7) Die „Kogl­weogo“ rekrutieren sich zwar aus allen Volksgruppen, in der Mehrzahl sind sie aber Mossi. Im Osten, Norden und Westen des Landes, wo diese nicht als Autochtone gelten, hat ihre Ansiedlung zu Spannungen geführt. Man wirft ihnen „Expansionismus“ vor.

Die Landfrage schürt Konflikte, das Bevölkerungswachstum und ein Gesetz von 2009, das die individuelle Übertragung von Ländereien begünstigt, haben zu einer Jagd nach Grundbesitz geführt. Die sogenannten autochthonen Gemeinschaften sind zornig, dass die Mossi nun Grundstücke für sich beanspruchen, die ihnen nach dem Gewohnheitsrecht nur vorläufig zugestanden wurden. Und im Westen sehen die Dozo, die in den ländlichen Gebieten dort seit Jahrhunderten für die Sicherheit zuständig sind, in den „Koglweogo“ eine unerwünschte Konkurrenz.

In Karangasso-Vigué starben bei Zusammenstößen im September 2018 drei Menschen, nachdem Dozo die Zerschlagung einer Miliz gefordert hatten. „Warum soll man eine neue bewaffnete Gruppe schaffen, wo wir doch bei den Dozo jeden akzeptieren“, fragt einer der Anführer der Bruderschaft in dieser Gegend.

Im von den Peul stark besiedelten Osten und Norden, wo Konflikte zwischen Bauern und Viehzüchtern häufig sind, führte das Auftauchen der „Kogl­weo­go“ und ihr Vorgehen vor allem gegen Peul-Viehzüchter dazu, dass diese sich ebenfalls bewaffnet haben. Manche schlossen sich Dschihadistengruppen an, andere gründeten ihre eigene Selbstverteidigungsmiliz.

Legalisierung der Miliz?

Inzwischen haben sich die „Kogl­weo­go“ auch in den Antiterrorkampf eingemischt. Ihre Aktionen dienen zuweilen jedoch weniger dem Schutz der Bevölkerung, sondern enden in Massakern. Antiterrorkampf, persönliche Abrechnungen und Konflikte zwischen den Gemeinschaften ließen sich nicht mehr unterscheiden, stellt die International Crisis Group fest.(8)

Weil er nicht die Mittel hat, den Selbstverteidigungsmilizen den Krieg zu erklären, versucht der burkinische Staat ihren wachsenden Einfluss einzuhegen. Im vergangenen November überraschte Präsident Roch Christian Kaboré nach einem blutigen Angriff von Dschihadisten im Osten des Landes (39 Tote) die Bevölkerung mit einem Appell zur Mobilisierung der Willigen für den Kampf gegen die „Terroristen“. Zwei Monate später wurde per Gesetz die Initiative „Freiwillige zur Verteidigung des Vaterlands“ (VDP) ins Leben gerufen. Sie sollen den Sicherheitskräften zur Hand gehen und nach einer lediglich zweiwöchigen Ausbildung „notfalls mit Waffengewalt zum Schutz ihres Dorfes beitragen“.

Aber wie sollen kaum ausgebildete Bürger gegen Kämpfer vorgehen, die regelmäßig Sicherheitskräfte in die Flucht schlagen? Wie können Übergriffe gegen Zivilisten verhindert werden? Und wie kann man die Loyalität der VDP gegenüber dem Staat sicherstellen? Ungeachtet dieser Fragen sind die „Freiwilligen“ im Norden des Landes bereits in Aktion getreten. „Einige von ihnen haben eine Kalaschnikow von den Behörden bekommen“, berichtet eine verlässliche Quelle.

Tatsächlich aber sind die meisten Männer der Freiwilligentruppe „Koglweogo“. Viele Beobachter glauben, das Gesetz ziele im Grunde nur darauf, diese Miliz und damit ihre Aktionen zu legalisieren. Die Dozo im Westen wurden nicht aufgerufen, den VDP beizutreten. Und es steht zu befürchten, dass auch die Mitglieder der ethnischen Minderheiten, denen vorgeworfen wird, bewaffnete islamistische Gruppen zu unterstützen, ausgeschlossen werden.

So könnte dieses Gesetz die Ethnisierung der Milizen vorantreiben, sorgt sich Jonathan Pedneault von Human Rights Watch, genau „wie im benachbarten Mali, wo die Volksgruppen der Bambara und der Dogon dutzende Massaker verübt und hunderte Peul-Zivilisten getötet haben.“(9)

(1) „‚Avant, nous étions des frères.‘ Exactions commises par des groupes d’autodéfense armés“, Human Rights Watch, 7. Dezember 2018.

(2) „Burkina Faso: préserver l’équilibre religieux“ Afrika-Bericht, Nr. 240, International Crisis Group, New York, September 2016.

(3) Siehe Rémi Carayol, „Viele Fronten in Mali“, LMd, Juli 2018.

(4) Armed Conflict Location & Event Data Project, Datenbank zu Ort und Ablauf von bewaffneten Konflikten, www.acleddata.com.

(5) „Burkina Faso. Les récits de témoins confirment que le massacre de Barga a été perpétré par un groupe armé“, Amnesty International, London, März 2020.

(6) „Burkina Faso: sortir de la spirale des violences“, Afrika-Bericht, Nr. 287, International Crisis Group, London, Februar 2020.

(7) Siehe Romane Da Cunha Dupuy und Tanguy Quidelleur, „Mouvement d’autodéfense au Burkina Faso. Diffusion et structuration des groupes Koglweogo“, Noria, Paris, November 2018.

(8) Siehe Anmerkung 6.

(9) Le Monde Afrique, 17. März 2020.

Aus dem Französischen von Uta Rüenauver


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