Jetzt bestellen oder als Aboprämie sichern

Bestellen Sie den neuen Atlas der Globalisierung.

Abonnieren Sie LMd und erhalten Sie den neuen Atlas als Prämie.

Ein Euro, drei Krisen

Wenn Deutschland seine gewaltigen Exportüberschüsse nicht abbaut, wird der Euro scheitern

 

Von Ulrike Herrmann

Die Europäer erleben Weltgeschichte. Wie immer die Eurokrise endet – ob die Währungsunion auseinanderbricht oder überlebt –, das Ergebnis wird die Zukunft prägen. Allerdings führt der Begriff »Eurokrise« in die Irre, solange er im Singular benutzt wird. Europa hat nämlich nicht mit nur einer Eurokrise zu kämpfen, sondern mit drei Verwerfungen gleichzeitig.

Eurokrise I ist offensichtlich: In Griechenland, Portugal, Irland und Spanien hatten sich hohe Schuldenberge aufgetürmt, die mit ausländischem Geld finanziert wurden. Diese Eurokrise hat mit der US-Finanzkrise ab 2007 nicht unmittelbar zu tun, folgt aber dem gleichen Muster: Es handelt sich um Kreditblasen, die durch eine neue »Story« möglich wurden. Diesmal war es die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung.

Wirtschaftskraft und Schulden. © LMd, Berlin. CC BY-NC-ND 4.0

Als es noch die griechische Drachme oder das Irische Pfund gab, mussten die Randstaaten der EU für jedes Darlehen hohe Risikozinsen zahlen. Diese Kreditkosten sanken rapide, als der Euro gegründet wurde. Die Investoren glaubten, dass die gleiche Währung bedeuten würde, dass nun auch alle Kredite gleich sicher wären. Plötzlich konnten sich die europäischen Randstaaten billig Geld leihen, und diese Kredite waren für die Griechen und Iren sogar noch günstiger als für die Deutschen. Denn während das Zinsniveau europaweit ähnlich niedrig lag, war die Inflation in den Randstaaten deutlich höher als etwa in der Bundesrepublik, was die Realzinsen an der Peripherie nach unten drückte. Da es die Kredite fast umsonst gab, griffen Spanier, Portugiesen, Griechen und Iren freudig zu.

Die Kreditblase wurde lange nicht erkannt, weil sie für Wachstum sorgte. Die Bauindustrie boomte, die Arbeitslosigkeit ging zurück, und die Löhne stiegen, was wiederum den Konsum ankurbelte. Über Nacht schien sich in den armen Randstaaten ein Wirtschaftswunder zu ereignen, und sie stiegen zu europaweiten Vorbildern auf. So wurde Irland gern als »keltischer Tiger« bezeichnet, und über Spanien schrieb die Deutsche Bank, dass es bis zum Jahr 2020 Deutschland überholen und eine höhere Wirtschaftsleistung pro Kopf aufweisen würde. Ein peinliches Fehlurteil, wie man im Rückblick weiß. Auch die Aufsicht versagte: Es störte weder die EZB noch die Bundesbank, dass die Immobilienkredite in Spanien oder Irland jährlich um mehr als 20 Prozent expandierten.

Die Überschuldung fiel auch deswegen nicht auf, weil sie in jedem Land ein wenig anders aussah. In Griechenland verschuldete sich vor allem der Staat, während es in Spanien und in Irland zunächst die privaten Haushalte und Banken waren. Dort kam der Staat erst in Bedrängnis, als die Institute ihre faulen Kredite auf öffentliche Bad Banks abwälzten.

So unschön Kreditblasen sind: Es war trotzdem seltsam, dass aus einer eher lokalen Krise am Rande Europas ein Finanzbeben werden konnte, das die gesamte Eurozone erschüttert. Griechenland ist ökonomisch so bedeutsam wie Hessen – und es würde doch niemand erwarten, dass die Eurozone an Hessen scheitern könnte. Die Eurozone wirkt wie eine Schulklasse, in der ein Grippevirus von einem Kind zum nächsten springt. Aber wie ist diese »Ansteckungsgefahr« zu erklären?

Die Antwort liefert Krise II: Die Eurozone ist falsch konstruiert. Es funktioniert einfach nicht, eine gemeinsame Währung zu haben, aber 19 verschiedene Staatsanleihen.

Die verheerende Wirkungskette lässt sich gut am Beispiel Italiens studieren, das von panischen Investoren in Richtung Pleite getrieben wurde, obwohl es damals noch ein wirtschaftlich gesundes Land war. Diese Beschreibung mag manchen Deutschen wundern, der weder die Mafia noch den einstigen Regierungschef Silvio Berlusconi goutiert. Doch Fakt ist: Italiens Banken waren stabil und hatten – anders als die deutschen Institute – vor 2007 auch keine Subprime-Schrottpapiere aus den USA aufgekauft. Zudem sind Italiens Staatsschulden zwar hoch, aber nicht neu – und sie werden seit mehr als 20 Jahren mitgeschleppt und verlässlich bedient.

Aber diese objektiven Daten interessierten die Investoren nicht mehr. Als für Griechenland ein Schuldenschnitt diskutiert wurde, fürchteten sie, dass auch andere Euroländer konkursreif seien. Also verkauften sie hektisch ihre italienischen Staatsanleihen und erwarben dafür deutsche Papiere, die ihnen sicherer erschienen. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage begann zu wirken: Die Zinsen für italienische Staatsanleihen stiegen auf über 7 Prozent, weil kaum noch jemand die italienischen Papiere erwerben wollte, während umgekehrt die deutsche Regierung mit Geld überschwemmt wurde und für einen zehnjährigen Kredit nur noch 1,4 Prozent bieten musste.

Die hohen Zinsen waren für Italien jedoch tödlich, weil der Staatshaushalt gekürzt werden musste, was dann die Wirtschaft um 4,5 Prozent schrumpfen ließ. Dies brachte wiederum einige Banken in Bedrängnis, weil viele Firmen ihre Kredite nicht mehr bedienen konnten. Gleichzeitig stieg die Staatsverschuldung, die doch eigentlich gesenkt werden sollte. Italien geriet in einen Teufelskreis, der die Panik der Investoren erst recht schürte.

Was es Staaten kostet, wenn sie Schulden machen. © LMd, Berlin. CC BY-NC-ND 4.0

Zur Krise in Italien konnte es nur kommen, weil die Anleger zwischen 19 Staatsanleihen wählen können, die alle auf Euro lauten. Die Investoren können sich von ihren italienischen Papieren trennen und dafür deutsche Anleihen kaufen, ohne einen Währungsverlust zu erleiden. Sie behalten immer Euro.

Noch schlimmer: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich lange gesträubt, Staatsanleihen zu erwerben, weil vor allem die Deutschen fürchteten, dass es eine Inflation auslösen könnte, wenn die Notenbank Geld »druckt«. Diese Angst ist abwegig. Denn das Geld wird vor allem von den Privatbanken geschöpft, wenn sie Kredite vergeben. Doch seit Beginn der Eurokrise nimmt die Geldmenge in der Eurozone kaum noch zu, weil fast keine Darlehen nachgefragt werden. Europa leidet nicht an einer Inflation – sondern an einer tendenziellen Deflation. Erst im Juli 2012 griff die Zentralbank schließlich ein. EZB-Chef Mario Draghi kündigte an, dass man »alles« tun würde, um den Euro zu retten. Die Investoren wussten sofort, was mit diesem kurzen Satz gemeint war: Ab jetzt würde die Notenbank unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen, um die Zinsen für Italien und Spanien zu drücken. Die Panik verebbte sofort, sodass die EZB keine einzige Staatsanleihe erwerben musste. Reine Psychologie hatte ausgereicht, um die Anleger zu beruhigen.

Neben diesen akuten Turbulenzen gibt es noch eine dritte Krise, die man als »Wettbewerbskrise« bezeichnen könnte und die von Deutschland ausgeht: Die meisten Euroländer können nicht mehr mit der Bundesrepublik konkurrieren. Während Deutschland Exportüberschüsse anhäuft, fahren fast alle anderen Staaten Defizite ein. Anders als viele Deutsche denken, hat es nicht allein mit der Qualität der deutschen Produkte zu tun, dass sie so wettbewerbsstark sind. Deutschland betreibt Lohndumping und hat die Arbeitskosten gezielt gesenkt.

Ein paar Beispiele: Die Hartz-Gesetze haben die meisten Beschränkungen bei der Leiharbeit aufgehoben und zwingen Arbeitslose, fast jede Stelle anzunehmen. Gleichzeitig fehlte lange ein gesetzlicher Mindestlohn, sodass ein riesiger Niedriglohnsektor entstanden ist, der auch auf die normalen Gehälter drückt. Zudem wurden die Arbeitgeber bei den Sozialleistungen entlastet.

Von 2000 bis 2014 sind die mittleren Reallöhne gar nicht gestiegen, und seither nehmen sie zwar ein bisschen zu, aber viel zu langsam, um die Wettbewerbslücke wieder zu schließen. Übrigens ist es kein Zufall, dass Deutschland mit dem Lohndumping erst begonnen hat, nachdem der Euro eingeführt wurde. Vorher hätte es nämlich nicht funktioniert. Die D-Mark wäre einfach im Kurs gestiegen, wenn Deutschland exorbitante Exportüberschüsse aufgehäuft hätte, sodass die Kostenvorteile bei den Löhnen wieder verschwunden wären. Doch im Euro ist Deutschland geschützt und kann ungestört eine Lohnpolitik betreiben, die seinen Nachbarn schadet. Um es technisch auszudrücken: Die Deutschen haben im Euro abgewertet.

Das deutsche Lohndumping drängt selbst gesunde Staaten aus dem Euro – vorneweg Frankreich. Dabei hat sich das Land mustergültig verhalten: Die französischen Reallöhne stiegen seit 1999 um etwa 20 Prozent – und entsprachen damit genau dem Zugewinn an Produktivität. Frankreich hat sich also an die Spielregeln gehalten, die alle Eurostaaten befolgen müssten, wenn es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen zwischen den einzelnen Mitgliedsländern kommen soll. Doch nun müssen die Franzosen erleben, dass sie gegen die Deutschen nicht mehr wettbewerbsfähig sind, die ihre Löhne systematisch nach unten drücken. Daher versucht nun auch Frankreich unter dem neuen Präsidenten Emmanuel Macron, seine Arbeitskosten zu senken.

Auf den ersten Blick erscheint diese Idee naheliegend: Wer nicht konkurrieren kann, muss Kosten und Preise reduzieren. So macht es schließlich jedes Unternehmen. Nur leider wird dabei übersehen, dass ein Staat keine Firma ist. Volkswirtschaft wird mit Betriebswirtschaft verwechselt. Europa wird ärmer, nicht reicher, wenn alle Länder ihre Löhne drücken. Die Firmen bleiben auf ihren Produkten sitzen, Investitionen lohnen sich nicht, also wächst die Wirtschaft höchstens schwach. Die Krisenstaaten der Eurozone befinden sich bereits in dieser Falle. Wenn jetzt auch noch das eigentlich gesunde Frankreich anfängt, zu sparen und seine Löhne zu drücken, dann treibt die gesamte Eurozone in eine Depression.

Deutschland hat die mit Abstand größten Exportüberschüsse. © LMd, Berlin. CC BY-NC-ND 4.0

Die Lösung wäre einfach: Die Deutschen müssten ihre Gehälter kräftig erhöhen. Ein erster Schritt wäre ein gesetzlicher Mindestlohn, der 12 Euro beträgt. Darüber hinaus müssten die normalen Gehälter jährlich um 5 Prozent steigen, bis Deutschland die Wettbewerbslücke wieder schließt, die es durch sein Lohndumping aufgerissen hat.

Was theoretisch einfach klingt, ist praktisch jedoch schwierig: Viele Deutsche wollen keine höheren Löhne. Selbst Gewerkschafter haben Angst, dass Arbeitsplätze in der Exportindustrie verloren gingen. Diese Sorge ist nicht völlig unbegründet. Tatsächlich könnten die Ausfuhren etwas sinken. Aber stattdessen würde die Binnennachfrage anziehen, wenn die Löhne steigen. Auf dem heimischen Markt würden neue Jobs entstehen.

Übrigens wäre es kein Verlustgeschäft, die Exportüberschüsse wieder abzubauen – weil diese Überschüsse sowieso weitgehend fiktiv sind. Auf dem Papier sieht es zwar großartig aus, dass Deutschlands Nettovermögen im Ausland von 7 Milliarden Euro im Jahr 1999 auf sagenhafte 1709 Milliarden Euro im Jahr 2016 gestiegen ist.

Aber diese enorme Summe erzählt nur einen Teil der Wahrheit, denn gleichzeitig kam es bereits zu sehr hohen Verlusten. Zwischen 2000 und 2016 habe deutsche Investoren etwa 700 Milliarden Euro im Ausland eingebüßt, wie die amtlichen Statistiken ausweisen.

Es lohnt sich einfach nicht, Exportüberschüsse anzuhäufen, denn die ökonomische Logik ist stärker: Wenn Deutschland darauf beharrt, stets mehr zu exportieren, als es importiert, dann können die anderen Länder die deutschen Waren nur kaufen, indem sie Kredite aufnehmen – bei Deutschland. Es ist eine reine Frage der Zeit, bis einige Importländer überschuldet sind und sich das deutsche Auslandsvermögen in nichts auflöst. Faktisch verschenken die Deutsche also ihre Waren ins Ausland, denn sie erhalten dafür wertlose Schuldtitel. Es wäre für alle besser, die Löhne in Deutschland anzuheben und selbst zu konsumieren – statt den Konsum der anderen zu finanzieren.

Viele Deutsche glauben noch immer, sie hätten die Wahl, wie Deutschland mit seinen Exportüberschüssen umgeht und ob es seine Löhne erhöht. Dies ist ein Irrtum. Wenn die Deutschen ihren Nachbarn nicht entgegenkommen, wird die Anpassung erzwungen – indem der Euro auseinanderbricht. Die neue D-Mark oder der neue „Nord-Euro“ würde so stark aufwerten, dass das gesamte Lohndumping der letzten 15 Jahre über Nacht aufgezehrt wäre. Diesen Schock würde die deutsche Exportindustrie garantiert nicht verkraften. Daher wäre es viel geschickter, die Gehälter schrittweise zu erhöhen und die Unternehmen daran zu gewöhnen, dass das Lohndumping ein Ende hat. Es wäre eine Gewinn für alle – für die deutschen Arbeitnehmer genauso wie für ganz Europa.

Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck aus dem neuen Atlas der Globalisierung »Welt in Bewegung«, der am 25. Juni 2019 erscheint. © LMd, Berlin

Ulrike Herrmann

ist Wirtschaftskorrespondentin der taz.


Wir alle sind Michelle

Wie die ehemalige First Lady ihre Weisheiten vermarktet. Von Mona Chollet

Fleisch für die Welt

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Verzehr von süßsaurem Schweinefleisch in Schang­hai, dem Verlust von einem Hektar Wald im Amazonasbecken und afrikanischen Flüchtlingen im europäischen Mittel­meer? Von Stefano Liberti

Gülens Netzwerk in Europa

In der Türkei werden die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen politisch verfolgt. Viele von ihnen suchen Zuflucht in Europa und versuchen, ihre alten Organisationen wieder aufzubauen – zum Teil mit zweifelhaften Ambitionen. Von Ariane Bonzon