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Gülens Netzwerk in Europa

In der Türkei werden die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen politisch verfolgt. Viele von ihnen suchen Zuflucht in Europa und versuchen, ihre alten Organisationen wieder aufzubauen – zum Teil mit zweifelhaften Ambitionen.

Von Ariane Bonzon

Sesamkringel, Gurken, Oliven und Rührei mit Tomaten. In seinem gutbürgerlichen Haus im Londoner Norden serviert uns Mustafa Yeşil ein türkisches Frühstück. Der Mittfünfziger ist eine von vier Personen, deren Auslieferung der türkische Ministerpräsident Binali Yıl­dı­rım 2017 von Großbritannien verlangt hat.

Die islamisch-nationalistische Regierung in Ankara beschuldigt Yeşil, der „Fethullahistischen Terrororganisation“ (Fetö) nahezustehen. Gemeint ist die Bewegung, die sich um den Imam Fethullah Gülen gebildet hat, der seit 1999 im selbstgewählten Exil in den USA lebt. In Ankara gilt er als Drahtzieher des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016.(1)

Mustafa Yeşil ist einer der wenigen, die im direkten Kontakt mit dem Hoca Efendi („Meister“) stehen und in dessen Namen sprechen dürfen. Yeşil ist ein Organisationstalent und einer von jenen Apparatschiks, auf die sich die Bewegung stützt, die von den Gülen-Anhängern selbst Hizmet („der Dienst“) genannt wird. Experten beziffern die Hizmet-Gefolgschaft auf weltweit 4 bis 8 Millionen Menschen.

Yeşil studierte Ende der 1970er Jahre Islamische Theologie an der Istanbuler Marmara-Universität und arbeitete danach als Religionslehrer. 1983 stieß er auf die Predigten von Fethullah Gülen, die ihn „ergriffen wie nichts zuvor“. Heute ist Yeşil ein Abi („großer Bruder“) und Vorsitzender des He­yet („Rats“). Er leitet den europäischen Zweig der Gemeinschaft, die derzeit ständig anwächst, weil immer mehr Gülen-Anhänger nach Europa fliehen.

Als die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) von Recep Tayyip Er­do­ğan 2002 an die Macht kam, stand die Hizmet-Bewegung fest an ihrer Seite. Mit ihrer Hilfe konnte der neue Regierungschef die Dominanz der republikanischen, nationalistischen, laizistischen und kemalistischen Kräfte in Justiz und Polizei brechen und sogar den Einfluss der Armee eindämmen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Heute betrachtet das Erdoğan-Regime die Hizmet-Bewegung als ihren größten Feind.

„Das pulsierende Herz“ der Bewegung

Bevor der Konflikt zwischen Gülen-Anhängern und Erdoğan-Parteigängern offen ausbrach, war er im Staatsapparat schon verdeckt zugange.(2) Zwischen 2010 und 2015 spielte Mustafa Yeşil dabei eine Schlüsselrolle. Er verließ das Land ein Jahr vor dem Putschversuch, der die Verhängung des Ausnahmezustands auslöste.

Das Ausnahmerecht ermöglichte die Zerschlagung der gülenistischen Netzwerke in Armee und Verwaltung: Vereine wurden verboten, Medien und Verlage geschlossen, Schulen, Hochschulen und zahlreiche Unternehmen, die in Verbindung zur Gülen-Bewegung standen, unter die Kontrolle des Staats gebracht.(3) Nach Angaben der Regierung vom Frühjahr 2019 wurden rund 77 000 Personen wegen Zugehörigkeit zur Fetö festgenommen, 240 000 sehen einem Prozess entgegen, 30 400 wurden bereits abgeurteilt. Insgesamt wurden 150 000 Beamte vom Dienst suspendiert oder entlassen.

Tausende Gefolgsleute Gülens sind deshalb geflohen. Mustafa Yeşil gibt an, dass 55 000 von ihnen zwischen 2016 und Anfang 2019 in der EU politisches Asyl beantragt haben. Der alte Kontinent scheint heute – mit den USA – das „pulsierende Herz“ der Bewegung zu sein. Das war nicht immer so.

Gülen-Gemeinden hatten sich in Europa bereits seit den 1980er Jahren etabliert, finanziert durch Spenden türkischer Unternehmer, die sich in Europa niedergelassen hatten. Aber der steile Aufstieg der Bewegung begann erst nach dem AKP-Wahlsieg von 2002.

Ein Insider aus der Hizmet-Szene, der anonym bleiben will, schildert, wie das vonstatten ging: „In Europa und anderswo verlief die Ausbreitung immer nach demselben Schema. Ein Imam wurde ernannt, um die Bewegung in dem betreffenden Land ,anzuführen‘, man bildete eine Gruppe für den interreligiösen Dialog und den Dia­log mit der Zivilgesellschaft, eine andere Gruppe kümmerte sich um Wohnungen, eine um Schulen, eine um die Unternehmer. Für jede große Re­gion gab es einen Imam, in Frankreich beispielsweise einen für Lyon oder für Seine-­Saint-Denis.“

Für praktizierende Muslime mit EU-Pass bot die Gülen-Bewegung die Möglichkeit, ihren Glauben, ihre türkische Herkunft und ihre Staatsangehörigkeit miteinander zu versöhnen – und das in Ländern, die dem Islam nicht immer wohlwollend gegenüberstehen. „Dank Gülens Botschaft konnten wir eine Brücke zwischen unserem muslimischen Glauben und der modernen Welt schlagen“, sagt ein Anhänger aus London. „Als Alternative zum politischen Islam bot er einen zivilen Islam, der soziale Verantwortung, Inte­gra­tion und Dialog beinhaltet.“

In Europa ist die Gülen-Bewegung mit rund 50 Schulen, hunderten Abendkursen und einer Vielzahl von Kultur-, Berufs- und Frauenverbänden vertreten, am stärksten in Deutschland (wo die meisten Anhänger leben), Belgien, den Niederlanden und Frankreich. In jedem dieser Länder unterhält die Bewegung eine „Plattform zur Förderung des interreligiösen Dialogs“. Über die vergibt sie auch Stipendien, wobei Moral, Finanzlage und Lebensgewohnheiten der Bewerber und ihrer Familien genau überprüft werden. Die Zeitung der Bewegung, Zaman, wurde allerdings einige Wochen nach dem Putschversuch von 2016 eingestellt.(4)

Die PR-Abteilung der Bewegung warb zudem eifrig um intellektuelle, religiöse und politische Kreise. Der Unternehmerverband der Bewegung, die Turkish Confederation of Businessmen and Industrialists (Tuskon), finanzierte Konferenzen, häufig in Kooperation mit Brüsseler Thinktanks. In Belgien richtete die Universität Leuven einen Fethullah-Gülen-Lehrstuhl für Interkulturelle Studien ein.

In Frankreich organisierte die Bewegung ein jährliches Diner in der Nationalversammlung. Die meisten Abgeordneten dachten wohl nicht groß darüber nach, wer hinter der Einladung stand. Die Islamexperten des Innenministeriums wusste jedoch genau, mit wem sie es zu tun hatten, zumal die Gülen-Anhänger um gute Kontakte zu den nationalen Geheimdiensten bemüht waren.

Die Jungen fordern Selbstkritik

Im Europäischen Parlament zeigten sich die Grünen als besonders zugänglich. Nach Aussage eines hohen EU-Beamten, der mit der türkischen Politik vertraut ist, unterstützte die grüne Fraktion etliche Initiativen, „die eindeutig als gülenistisch erkennbar waren“. Zum Beispiel eine Fotoausstellung im Europäischen Parlament, die Zaman 2012 zu ihrem 25-jährigen Bestehen organisiert hatte.(5)

Der EU-Vertreter kommentiert erbost: „Zaman zum Symbol der Pressefreiheit zu stilisieren, das war grober Unfug.“ Auch einer wie Daniel Cohn-Bendit, der als Schirmherr der Ausstellung aufgetreten sein soll, hatte damals keine Berührungsängste.

Allerdings stand Gülen 2012 noch in Erdoğans Gunst. Damals entsandte Ankara junge Staatsanwälte an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), die eindeutig Gülenisten waren, berichtet ein hoher türkischer Beamter: „Darüber wurde im Europarat offen gesprochen. Als 2013 der Krieg zwischen Erdoğan und Gülen ausbrach, wurden sie alle abberufen.“

Nach dem Putschversuch von 2016 wurden mehrere Kader der Gülen-Bewegung von türkischen Spezialkommandos entführt. Das geschah nicht nur in Asien und Afrika, sondern auch europäischen Peripherieländern wie in der Ukraine, der Republik Moldau und im Kosovo.(6) Auch innerhalb der EU werden Gülen-Funktionäre bedroht: Fotos ihres Wohnhauses oder ihres Autos erscheinen in der regierungsfreundlichen türkischen Presse. Die Botschaft ist klar: „Ihr entkommt uns nicht.“

Diese Leute wissen zwar, dass sie in der EU besser geschützt sind als anderswo, sind aber auch enttäuscht darüber, dass der EGMR tausende von Beschwerden abgewiesen hat, die türkische Staatsbürger nach dem gescheiterten Putsch gegen ihre Verhaftung oder Entlassung eingereicht hatten.

Viele Gülen-Anhänger, die ins Ausland fliehen, landen zuerst in Griechenland. Wer es nach Europa schafft, zahlt einen Obolus von 1000 Euro, um weitere Flüchtlinge zu unterstützen. Einer von ihnen war Staatsanwalt am obersten Gerichtshof in Ankara.

Der Mann hatte einem Schleuser 10 000 Euro gezahlt, der ihn dann auf einem Schlauchboot – zusammen mit zwei syrischen Familien – nachts in der stürmischen Ägäis seinem Schicksal überließ: „Wir schöpften ständig Wasser aus dem Boot“, erinnert sich der Flüchtling. Als ein riesiges Schiff in der Dunkelheit auf sie zufuhr, malte er sich die Schlagzeilen in den türkischen Zeitungen aus: „Ein Richter ist vor der Demokratie geflohen, und er wurde bestraft.“

In der Türkei wird die Bewegung unterdrückt. Sie ist finanziell geschwächt, ihre Anhänger sind in ihrer Existenz bedroht. Dennoch hat sie ihr Hauptziel nicht aufgegeben: Erdoğan zu stürzen. Aber nicht durch Gründung einer politischen Partei – was unter den jetzigen Umständen undenkbar ist –, sondern durch eine extrem aggressive Medienkampagne.

„Wir waren auf den Staat fixiert“

„Sie sind nur Anti-Erdoğan“, sagt der Journalist Ragıp Duran, der auch im griechischen Exil lebt: „Ansonsten sind sie sehr staatsgläubig und, was die Kurdenfrage betrifft, sehr antidemokratisch.“ Positiv sieht er nur, dass sie der Linken nicht so feindlich gesinnt sind wie Erdoğan.

Der in Schweden lebende gülenistische Autor Abdullah Bozkurt nimmt, zusammen mit einer Gruppe von Journalisten, den türkischen Staatspräsidenten ins Visier. Sie publizieren regelmäßig – vor allem über Twitter – interne Dokumente, die für die Machthaber in Ankara belastend sind.

Ein scharfer Kritiker solche Praktiken ist der türkisch-schwedische Politikwissenschaftler Halil Karaveli: „Die Gülen-Anhänger haben gezeigt, dass sie Feinde der Demokratie sind: Das belegt der Putschversuch, aber noch mehr ihre finsteren Pläne, den türkischen Staat zu erobern, und ihre wahrscheinliche Verwicklung in den Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink. Daran, dass die Türkei sich zu einem autoritären Staat entwickelt, haben sie genauso viel Schuld wie Erdoğan.“

Auch der Gülen-Anhänger Ahmet Dönmez lebt in Stockholm. Der junge Journalist will mehr über die Rolle herausfinden, die Gülenisten bei dem versuchten Militärputsch gespielt haben. Ihn plagt wie viele andere, die in der Bewegung ernsthaft engagiert waren, das bittere Gefühl, getäuscht worden zu sein (was sie Ausländern gegenüber nicht immer zugeben).

An verschiedenen Orten in Europa wurden interne Versammlungen abgehalten, an denen sowohl „Alte“ wie Mustafa Yeşil als auch die junge Generation teilgenommen haben. Glaubt man den Berichten zweier Teilnehmer, so gab es heftigen Widerspruch, als einer der Veteranen vorschlug, die Bewegung solle, ähnlich wie in der Türkei, auch in Europa versuchen, staatliche Institutionen zu infiltrieren.

Mustafa Yeşil spielt solche inneren Differenzen herunter: „In Europa agiert die Gülen-Bewegung absolut transparent. Die Angehörigen von Hizmet, die in den letzten Jahren nach Europa gekommen sind, haben in der Türkei einen hohen Preis bezahlt. Ihre Integration braucht einfach Zeit.“

In einem Punkt sind sich freilich alle Gülenisten einig: Europa ist die Region, wo sie hoffen können, ihre Netzwerke wieder aufzubauen. Hier sind ihre Vereinigungen ganz offiziell zugelassen. Doch die jungen Kader sehen die Zeit der Selbstkritik und der Neuorientierung gekommen.

Ein junger Gülen-Anhänger formuliert es so: „Wir haben immer gesagt, dass wir eine zivilgesellschaftliche Bewegung sind, aber wir waren auf den Staat fixiert. Wir haben gesagt, dass wir unpolitisch sind, aber wir haben eine politische Partei unterstützt. Jetzt müssen wir erst mal vor unserer eigenen Haustür kehren.“

Ein anderer „Dissident“ meint allerdings, die internen Diskussionen führten zu nichts. Im Übrigen seien die Traditionalisten immer noch stärker als die Modernisierer: „Solange Fethullah Gülen lebt, wird sich nichts tun. Und danach? Da wird die Bewegung implodieren.“

1 Siehe Günter Seufert, „Anatomie eines Putsches“, LMd, Oktober 2016.
2 Zum Verlauf dieses Konflikts siehe Günter Seufert, „Der mächtige Herr Gülen“, LMd, Februar 2014.
3 Siehe Jean Marcou, „Die Welt aus der Sicht Erdoğans“, LMd, Mai 2017. Von einem „Gegenputsch“ spricht Yavuz Baydar in seinem „Brief aus dem Exil“, LMd, Oktober 2016.
4 Zaman erschien in zwölf EU-Ländern und erreichte eine Gesamtauflage von bis zu 50 000 Exemplaren.
5 Es handelte sich um eine Wanderausstellung mit Fotos berühmter türkischer Fotografen, die auch in Wien, London und Athen gezeigt wurde.
6 „Die Entführung von sechs Personen aus Pristina am 29. März 2018 ist dokumentiert unter: www.zdf.de/politik/frontal-21/die-verschleppten-100.html.

Aus dem Französischen von Ursel Schäfer

Ariane Bonzon

Ariane Bonzon ist Journalistin und Verfasserin des Buchs „Turquie. L’heure de vérité“, Tharaux (Éditions Empreinte) 2019.


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