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Hexen gegen den Kapitalismus

 

Von Mona Chollet

Bei abnehmendem Mond versammeln sie sich jeden Monat zu Tausenden vor dem New Yorker Trump Tower und laden unter den Hashtags #BindTrump oder #MagicResistance ihre Fotos hoch. Auch in anderen US-Bundesstaaten protestieren die Hexen, wie sie sich selbst nennen, gegen die mörderische Polizeigewalt und Trumps Einwanderungspolitik und gehen für soziale Gerechtigkeit, Trans*-Rechte und das Recht auf Abtreibung auf die Straße.

In Frankreich demonstrierten „Hexen“ gegen die Aushöhlung von Arbeitnehmerrechten und schickten „Macron au chaudron“ (Macron in den Kessel). Wie in den USA wird Instagram auch in Frankreich von Hexenbildern überschwemmt. Der Onlinehandel verdient sich mit Kerzen, Zauberbüchern, Kräutern oder Kristallen eine goldene Nase. Und auf fertig bedruckten T-Shirts, Kleidern, Stoffbeuteln und Tassen steht: „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten.“

Tatsächlich waren die 50 000 bis 100 000 Menschen, die in Europa vor allem im 16. und 17. Jahrhundert wegen „Hexerei“ hingerichtet wurden, mehrheitlich Frauen. Im Bistum Trier wurden 1585 bei einer Hexenverfolgung in 22 Dörfern 368 Frauen verbrannt, nur zwei Frauen blieben verschont. In dem von zwei Dominikanermönchen 1487 veröffentlichten Traktat „Der Hexenhammer“, das fortan in allen Prozessen herangezogen wurde, heißt es: „Wenn der Weiber Bosheiten nicht wären, auch zu schweigen von den Hexen, würde die Welt noch von unzähligen Gefahren frei bleiben.“(1)

Ledige Frauen und Witwen waren besonders betroffen. Manche wurden auch der Hexerei bezichtigt, wenn sie selbst ein Verbrechen anzeigen wollten. Im Fall von Péronne Goguillon, die 1679 in Marchiennes (Département Nord) nur knapp der Vergewaltigung durch vier betrunkene Soldaten entkam, führte die Meldung ihres Mannes am Ende dazu, dass sie wegen ihres vermeintlich schlechten Rufs als Hexe verbrannt wurde. Auch der Biograf von Anna Göldi – wahrscheinlich Europas letzte „Hexe“, die 1782 im Schweizer Kanton Glarus enthauptet wurde – fand Hinweise auf eine Anklage wegen se­xuel­ler Belästigung gegen ihren Arbeitgeber, einen Arzt. Deshalb ist es heute besonders zynisch, wenn Kritiker die #MeToo-Bewegung als Hexenjagd bezeichnen.

Eine der Ersten, die sich mit der Geschichte der Hexenverfolgung beschäftigt und deren latente Frauenfeindlichkeit entlarvt hat, war die amerikanische Suffragette Matilda Joslyn Gage (1826–1898). „Wenn man anstelle von Hexen Frauen liest, versteht man die Grausamkeit besser, die die Kirche diesem Teil der Menschheit angetan hat“, schrieb sie 1893 in ihrem Hauptwerk „Woman, Church and State“. Gage inspirierte ihren Schwiegersohn, den Schriftsteller Lyman Frank Baum, im „Zauberer von Oz“ zur Figur der Glinda, die Victor Fleming mit seiner Verfilmung von 1939 als erste „gute Hexe“ weltberühmt machte.(2)

Dreißig Jahre später kamen auch die Feministinnen der Nachkriegszeit auf die Hexe. An Halloween 1968 hatte die Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell (Witch) auf der New Yorker Wall Street ihren ersten Auftritt. „Mit geschlossenen Augen und gesenkten Köpfen stimmten die Frauen einen Berbergesang an (der für die algerischen Hexen heilig ist) und sagten den unmittelbar bevorstehenden Absturz zahlreicher Aktien voraus. Anderthalb Stunden später schloss der Markt mit einem Verlust von 1,5 Punkten, am nächsten Tag fiel der Index um 5 Punkte“, erzählt Robin Morgan in ihrer „Chronik einer Feministin“.(3)

Die Enkelinnen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten

In Frankreich gab Xavière Gauthier von 1976 bis 1981 die Zeitschrift Sorcières heraus; Anne Sylvestre, die sich gerade mit ihrem eigenen Label selbstständig gemacht hatte, sang 1975 in „Une sor­cière comme les autres“ („Eine Hexe wie die anderen“) über weibliche Rollenklischees; und die italienischen Feministinnen riefen: „Erzittert, erzittert, die Hexen sind wieder da!“

Die Kalifornierin Starhawk – 1951 als Miriam Simos geboren – ist Anhängerin der Wicca-Bewegung, auch „Religion der Hexen“ genannt; mit ihrem Coven (Hexenzirkel) nahm sie an vielen legendären globalisierungskritischen Demonstrationen teil; etwa gegen den WTO-Gipfel in Seattle 1999 und das G8-Treffen 2001 in Genua. Wie die italienisch-amerikanische Philosophin Silvia Federici vertritt sie die These, dass die Hexenverfolgung der Ausbreitung des Kapitalismus im 18. Jahrhundert den Weg geebnet habe.(4) In „Wilde Kräfte“(5) beschreibt sie die sozialen und ökologischen Umwälzungen, die mit der Privatisierung der früher gemeinschaftlich bewirtschafteten Felder einhergingen. Die Wicca-Bewegung verfolge nicht nur die Rehabilitierung des von den Hexenjägern gemarterten weiblichen Körpers, schreibt Starhawk, sondern will auch Möglichkeiten aufzeigen, wie man zerstörte Bindungen neu gestalten kann.

Diese modernen Hexen kämpfen gegen den so brutalen wie verführerischen Kapitalismus, der behauptet, es sei vernünftig, die Welt als eine Ansammlung von leblosen Ressourcen zu betrachten, die möglichst gewinnbringend ausgebeutet werden müssen. In der Verbindung zur Natur erfinden sie eine Art fortschrittliche Spiritualität, die aber mit dem Naturkult der reaktionären Abtreibungsgegner nichts gemein hat – was sowieso ein historischer Widerspruch wäre, weil die einstmals wegen Hexerei verfolgten Heilerinnen auch Abtreibungen vornahmen.

Moderne Hexen reproduzieren nicht die heterosexuelle Norm: „Jeden Tag danke ich der Göttin, dass ich homo bin“, hieß es etwa auf dem Transparent der Gruppe Witch auf der Gay Pride in Portland im Juni 2018. Im Übrigen wird auch den Ökofeministinnen der 1970er Jahre zu Unrecht vorgeworfen, sie seien reaktionär gewesen. Das zeigen etwa die Erfahrungsberichte aus den lesbischen Landkommunen in Oregon.(6) „Warum sollen wir den Heterosexuellen das Monopol einer natürlichen Sexualität überlassen und davon ausgehen, dass sich die queere Bewegung nur in den Städten, fern der Natur und gegen sie entwickeln könne?“, fragt etwa die Philosophin Catherine Larrère.(7)

Als 2003 die erste französische Übersetzung von Starhawks „Dreaming the dark“ („Wilde Kräfte“) unter dem Titel „Femmes, magie et politique“ erschien, schrieben die Philosophin Isabelle Stengers und der Verleger Philippe Pignarre in ihrer Einleitung: „In Frankreich haben sich die politisch Engagierten angewöhnt, allem zu misstrauen, was nach Spiritualität aussieht, und schieben es ganz schnell in die rechte Ecke.“ Das hat sich inzwischen deutlich geändert. In Frankreich wie in den USA beschäftigen sich junge Feministinnen, aber auch schwule Männer und trans* Personen mit Magie und verbinden damit zugleich eine politische Haltung.

Die jungen Hexen von heute sind mit „Harry Potter“ aufgewachsen oder Serien wie „Charmed“ – deren Heldinnen drei Hexenschwestern sind – und „Buffy“, in der die schüchterne Schülerin Willow eine mächtige Hexe wird. So merkwürdig es auch klingt, scheint die Magie gerade ein Halt zu sein in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Dass sich neuerdings immer mehr Leute trauen, sich zum Hexentum zu bekennen, hat sicher auch damit zu tun, dass die unleugbare Klimakatastrophe das Ansehen und die Autorität der Technikgesellschaft und unsere gewohnten Kategorien, von dem, was vernünftig und was irrational ist, infrage stellt.


1 Heinrich Kramer (Institoris) und Jakob Sprenger, „Der Hexenhammer (Malleus maleficarum)“, Deutsch von J. W. R. Schmidt, Hamburg (Severus Verlag) 2016, S. 126.

2 Siehe Kristen J. Sollee, „Witches, Sluts, Feminists: Conjuring the Sex Positive“, Los Angeles (Three Media) 2017.

3 Robin Morgan, „Going Too Far: The Personal Chronicle of a Feminist“, New York (Random House und Vintage Paperbacks) 1977.

4 Silvia Federici, „Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation“, Wien (Mandelbaum Verlag) 2012.

5 Starhawk, „Wilde Kräfte. Sex und Magie für eine erfüllte Welt“, München (Goldmann) 1993.

6 Catriona Sandilands, „Womyn’s Land: communautés séparatistes lesbiennes rurales en Oregon“, in: „Re­claim“, eine Sammlung ökofeministischer Texte, ausgewählt und mit einer Einleitung von Émilie Hache, Paris (Cambourakis, coll. „Sorcières“) 2016.

7 Catherine Larrère, „L’écoféminisme ou comment faire de la politique autrement“, in: „Reclaim“ (siehe Anmerkung 6).

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

Dieser Beitrag ist erschienen in Le Monde diplomatique, Oktober 2018. © LMd, Berlin

Mona Chollet

ist Redakteurin der französischen Ausgabe von Le Monde diplomatique in Paris.


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