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Schwester Roboter

Angesichts immer mehr Pflegebedürftiger setzt Japan nicht auf Einwanderer, sondern auf maschinelle Helfer

 

Von Arthur Fouchère

Auf der künstlichen Insel Odaiba in der Bucht von Tokio steht ein riesiger Roboter – die Nachbildung einer Figur aus dem Science-Fiction-Universum Gundam – und blickt aus 18 Meter Höhe auf die japanische Hauptstadt. So stellen sich die Westler Japan gern vor: als Land der Roboter.

Japan interessierte sich schon früh für Robotik, setzte aber zunächst vor allem auf die Nutzung in den Bereichen Rüstung, Logistik oder Landwirtschaft. Soziale Roboter, die pflegen, am Empfang sitzen oder assistieren, kamen nebenbei auch auf den Markt; manche erhielten sogar, zur Steigerung ihrer Geschicklichkeit oder um den Kontakt mit ihnen angenehmer zu machen, ein menschliches Aussehen.

Asimo, den ersten Prototyp eines humanoiden Roboters, stellte Honda im Jahr 2000 vor. Er ist inzwischen der weltweit erfolgreichste zweibeinige Roboter. Doch trotz dieser Meisterleistung und der Weiterentwicklung zahlreicher Modelle steckt der japanische Markt für Dienstleistungsroboter noch in den Kinderschuhen. Zwar setzen sich einfache Haushaltsroboter – Staubsauger, Rasenmäher – langsam durch, aber in diesem Sektor hat die US-Firma iRobot immer noch die Nase vorn.

Nachdem Japan sich bei der digitalen Revolution (Flachbildschirme, Smartphones und so weiter) von der Konkurrenz aus den USA und Südkorea hat abhängen lassen, ist es nun fest entschlossen, sich die Chancen der Dienstleistungsrobotik nicht entgehen zu lassen. Denn in diesem Markt steckt ein gewaltiges Wachstumspotenzial: Die Zahl der weltweit verkauften Dienstleistungsroboter stieg allein 2016 um 24 Prozent und lag bei 6,7 Millionen Exemplaren.

Für ihre »Roboterrevolution« hat die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt einen Fünfjahresplan aufgestellt. Japan will mit der Robotik auf den Bevölkerungsrückgang reagieren, der das Land belastet. Nach wie vor sperrt sich die Regierung gegen eine aktive Einwanderungspolitik; stattdessen will sie dem Arbeitskräftemangel mit Robotern begegnen.

Vor allem in der Pflege werden Roboter dringend gebraucht. Fast 27 Prozent der japanischen Bevölkerung waren 2016 älter als 65 Jahre. Der Anteil könnte bis 2060 auf 40 Prozent steigen. Während die Zahl pflegebedürftiger Menschen stetig zunimmt, mangelt es an Pflegekräften, 2025 dürften 380 000 fehlen. Diese Lücke könnten Roboter schließen, indem sie beschwerliche Tätigkeiten übernehmen und dabei helfen, dass alte Menschen im Alltag möglichst autonom bleiben. Der Plan von Premierminister Shinzo Abe sieht vor, dass eine spezielle Versicherung die Kosten für die Roboternutzung durch alte Menschen übernimmt.

Von der Pyramide zur Urne. © LMd, Berlin. CC BY-NC-ND 4.0

Zurzeit sind die Roboter aber noch zu teuer und schwerfällig, um sie in großem Maßstab einzusetzen. Der Roboterbär Riba zum Beispiel, der im Forschungsinstitut Riken entwickelt wurde und in den westlichen Medien für viel Aufmerksamkeit sorgte, kam nie auf den Markt. Er war zu schwer und ungeschickt, um Patienten sicher tragen zu können. Einige Prototypen haben den Dienst im wirklichen Leben allerdings bereits angetreten.

2013 brachte Toyota nach zehn Jahren Entwicklungsarbeit mehrere Modelle der Serie »Partner Robots« auf den Markt, darunter den HSR (Human Support Robot), einen sprechenden Roboter mit beweglichem Arm, der über ein Tablet gesteuert wird und in der Lage ist, bettlägrigen Patienten Gegenstände zu bringen, die Tür zu öffnen oder Vorhänge auf- und zuzuziehen.

2015 wurden durch den Verkauf von Pflegerobotern 166 Millionen Dollar erwirtschaftet. Nach dem Fünfjahresplan von Premier Abe soll dieser Umsatz bis 2020 auf 500 Millionen Dollar steigen, Experten sprechen von 4 Milliarden Dollar bis 2060. Viele Forschungsprojekte konzentrieren sich auf externe anatomische Stützroboter, die bei gelähmten Gliedmaßen, eingeschränkter Beweglichkeit oder im Rahmen einer Reha die Motorik der Patienten unterstützen. Weltweit sind 2017 mehr als 8 000 dieser Exoskelette verkauft worden, die Branche rechnet mit jährlichen Absatzsteigerungen von 25 Prozent.

Auch Toyota, Panasonic, Honda und der Gigant der industriellen Robotik, Yaskawa, haben damit begonnen, Dienstleistungsroboter herzustellen und ein Leasingsystem für medizinische Einrichtungen aufzubauen. Doch als Erstes hat das kleine Unternehmen Cyberdyne (entstanden an der Universität Tsukuba) mit seinem Roboteranzug HAL (Hybrid Assistive Limb: hybride unterstützende Gliedmaße) den Weltmarkt erobert. Das Gerät empfängt Signale vom Gehirn und erkennt, welche Bewegungen der Träger ausführen will. HAL hilft nicht nur alten oder behinderten Menschen, sondern kann auch bei Arbeitsabläufen assistieren. So wurde er am Flughafen von Haneda versuchsweise eingesetzt, um das Verladen schwerer Fracht zu erleichtern.

Junges Afrika, altes Europa. © LMd, Berlin. CC BY-NC-ND 4.0

Das Fujita Health University Hospital, eines der führenden Krankenhäuser in Japan, nutzt in großem Umfang Exoskelette, die Patienten beim Gehen helfen, allerdings noch unter Aufsicht von menschlichem Personal. Inzwischen sind sogar »emotionale Roboter« zur Behandlung von Kognitions- und Verhaltensstörungen auf dem Markt. Sie entwickeln eine Beziehung zum Patienten und sollen etwa bei Alzheimerkranken zur Linderung von Demenz, Angst und Isolation eingesetzt werden. Dahinter stecken Konzepte der Tiertherapie – ohne die mit lebenden Tieren verbundenen Risiken. Der Roboter Paro beispielsweise, der einem Robbenbaby nachempfunden ist, wurde mit Sensoren und einem künstlichen Fell ausgestattet und reagiert, wenn er vom Patienten gestreichelt wird: Er quiekt, schließt die Augen, bewegt die Flossen. Tausende Exemplare wurden bereits verkauft, auch nach Europa und in die USA.

Der nächste Entwicklungsschritt sind kleinere, preisgünstige und mit anderen Geräten kompatible Roboter. Nao, ein Humanoid von Softbank, und Sato von NTT zum Beispiel können den Nutzer daran erinnern, den Blutdruck zu messen oder seine Medikamente einzunehmen. Aber es wird wohl noch dauern, bis sie in Privathaushalten zum Einsatz kommen. Die Hindernisse sind technischer und finanzieller, nicht jedoch psychologischer Art. Laut einer Studie der Regierung stehen in Japan knapp zwei Drittel der Patienten Robotern positiv gegenüber und betrachten sie als Lebensbegleiter.

Roboter sind in der japanischen Kultur fest verankert. Das zeigen schon die Mangas. Die berühmte Anime-Serie über den Androiden Astro Boy entstand bereits in den 1960er Jahren. Und schon in der Edo-Zeit (1603–1868) gab es kleine, feder betriebene Puppen, die Tee servierten. Hinzu kommt, dass in der Vorstellungswelt des Schintoismus bestimmte Tiere oder Objekte und Orte in der Natur eine Seele besitzen. Sie werden kami genannt. Der Berg Fuji gehört dazu, die Hirsche im Park der Stadt Nara – und möglicherweise ja auch Roboter.

Japan will den wirtschaftlichen Kampf um die Dienstleistungsroboter gewinnen. Bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio sollen die Humanoiden zeigen, was sie können – bei einer Olympiade für Roboter. Um der dramatischen Überalterung der Gesellschaft etwas entgegen zusetzen, wird jedoch noch einiges mehr nötig sein – angefangen mit einer offeneren Einwanderungspolitik und der Beschäftigung von Frauen.

Dieser Beitrag ist ein Vorabdruck aus dem neuen Atlas der Globalisierung »Welt in Bewegung«, der am 25. Juni 2019 erscheint. © LMd, Berlin

Arthur Fouchère

ist Journalist.


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